Können Männer und Frauen nur Freunde sein?

Kennen Sie Freundschaften zwischen Männern und Frauen, bei denen nicht mindestens einer der beiden in den anderen heimlich verliebt oder homosexuell ist? Die platonische Liebe zwischen den Geschlechtern scheint eine grössere Herausforderung zu sein, als die Liebe selbst.

Können Männer und Frauen einfach so befreundet sein?

Kuscheln ohne Hintergedanken? Die schwerste Prüfung der Freundschaft zwischen Männern und Frauen. Foto: iStockphoto

Männer und Frauen versuchen seit Jahrtausenden eine Beziehungsform zu finden, in der sie harmonieren. Jeder von uns hat bereits diverse solcher Bestrebungen auf dem Kerbholz. Ob mit oder ohne Ring am Finger, in gemeinsamen oder getrennten Haushalten, mit oder ohne Kinder: Wie man es auch macht, irgendwie macht man es immer verkehrt. Amor ist eben ein Hund. Und gerade deshalb, wenden sich immer mehr Menschen an Armors kleinen Bruder: die Freundschaft. Jenem Beziehungskonstrukt, bei dem es nicht um Herzklopfen, sondern um Harmonie geht. Und zwar auch zwischen Mann und Frau. Jedenfalls in der Theorie.

Liebe vs. Freundschaft: (K)ein Gegensatz

Doch in der Praxis kann Amor scheinbar nicht mal in platonischen Mann-Frau-Begegnungen die Finger von Pfeil und Bogen lassen und knallt die viel versprechende Seifenblase ungleich geschlechtlicher Eintracht nur all zu oft mit einem gezielten Schuss ab. Freundschaften zwischen Mann und Frau gibt es nicht, heisst es. Aber warum eigentlich nicht? Liegt es wirklich am fiesen Armor, also an der romantischen Liebe, dass Freundschaften zwischen den Geschlechtern immer wieder scheitern? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Liebe zerstört doch nicht, Liebe verbindet. Und warum sollte das bei der platonischen Liebe zwischen Mann und Frau anders sein, als beispielsweise beim  Zusammenschluss kameradschaftlicher Mädels-Cliquen. Diese Freundschaften funktionieren prima, basieren aber letztlich auch auf einer Form der Liebe. Oder haben Sie Ihre beste Freundin nicht in Ihr Herz geschlossen?

Mann und Frau: Ein perfektes Gespann

Auch Freundschaft ist Liebe. Denn Freundschaft bedeutet die Verschmelzung zweier Seelen und Herzen, wie bei einem perfekten Puzzle. Menschen sind für sich genommen Teilstücke, die sich zusammen tun und so ein grosses Ganzes bilden – eine echte Kameradschaft. Der Theorie nach sollte diese Vereinigung bei einer Freundschaft zwischen zwei Gegenpolen, wie den Geschlechtern, sogar ganz besonders vorbildlich funktionieren. Genau das ist doch der Reiz des ungleich geschlechtlichen Kumpeltums. Die Andersartigkeit des anderen fügt zusammen, was für sich genommen nichts Ganzes ist. Das ist Physik. Denn wenn man den Minus- mit dem Pluspol miteinander verbindet, entsteht unsagbare Energie. Im menschlichen Gefüge geschieht das Gleiche: Das Weiblein zieht die sensiblen Fäden der Emotionalität und der platonische Herr im Haus achtet darauf, dass man gemeinsam nicht nur zur Erleuchtung findet, sondern auch das Licht im Flur einwandfrei funktioniert. Das ist Teamwork. Das ist Freundschaft. Die Brüderlichkeit zwischen Mann und Frau scheint David mit Goliath zu vereinen.

Leidenschaft schafft Leiden

Wo genau liegt also das Problem bei der Freundschaft zwischen Mann und Frau? Es könnte doch so perfekt sein. Aber tun wir nicht so, als wüssten wir nicht, was das Problem ist. Das Problem ist nicht der Wille. Der ist stark. Das Problem ist das Fleisch. Denn das ist schwach. Vor allem dann, wenn es Lust empfindet. Sex ist das Problem. Sex ist immer das Problem. Aber warum eigentlich? Denn eigentlich ist doch auch Sex – ebenso, wie die Liebe – etwas, das Menschen nur noch enger zusammenschweisst. Und zwar nicht nur sinnbildlich, sondern wahrhaftig; quasi zum Anfassen. Doch wie und warum schafft es diese  Körperlichkeit dann immer wieder befreundete Seelen zu entzweien? Oder ist es am Ende vielleicht gar nicht der Akt an sich, der die Freundschaft zwischen Mann und Frau unmöglich macht? Vielleicht ist es nichts Physisches, sondern etwas Psychisches, das mittels körperlicher Vibrationen seelische Verbindungen zerstört?

Exklusivität trifft Ego: Hier ist das Problem

Doch wenn man genauer hinschaut, ist es nicht der Sex allein, der (wenn es nämlich trotz guter Vorsätze doch einmal passiert ist) Freundschaften in Frust verwandelt. Es ist vielmehr der Anspruch auf Exklusivität, der mit dem Akt der Körperlichkeit regelmässig einher geht. Denn Exklusivität hat immer etwas mit Ego zu tun, also mit einem selbst. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer und die Freundschaft zwischen Mann und Frau begraben. Es ist nicht schön, aber wahr: Man selbst, samt seines Egos, steht der Freundschaft zwischen den Geschlechtern im Wege. Nämlich dann, wenn es darum geht, Gefühle nicht als Exklusivrecht beanspruchen zu können. Freunde muss man nämlich teilen – ob man mit ihnen in der Kiste landet oder nicht. Freundschaften gibt es nun mal nicht exklusiv.

Qualität statt Quantität

Ob das schlimm ist? Nein! Im Gegenteil. Schliesslich hat niemand gesagt, dass Exklusivität etwas mit Quantität zu tun haben muss. Das ist genau der Trugschluss, dem viele auf den Leim gehen. Bei Einzigartigkeit (ob in Freundschaften oder allen anderen Dingen des Lebens) geht es doch vielmehr um Qualität. Und genau diese besitzen ungleichgeschlechtliche Freundschaften, die es schaffen ihre platonische Liebe zueinander trotz aller Widrigkeiten, Versuchungen und Stolperfallen aufrecht zu erhalten – ob nun mit oder ohne Anfassen. Freundschaft ist Qualität statt Quantität. Es geht um Einzigartigkeit im Sinne von Besonderheit, nicht Besitz. Und zwar sowohl bei gleichgeschlechtlichen, als auch bei ungleichgeschlechtlichen Bindungen. Amen!

Können Männer und Frauen nur Freunde sein?

Nein. Irgendjemand will immer mehr. Meistens er.

Ja, klar. Man(n) muss nur lernen, die Füsse still zu halten.