Und wann knutschen Sie?Wie ein Kind die Beziehung auf die Probe stellt

INTERVIEW Zentimeterdicke Binden, Milchflecken auf dem Schlabberpulli und dicke Augenringe – wer hat da noch Lust auf Sex? Wie ein Kind ein Paar verbindet statt zu trennen, verrät Familientherapeutin Marion Sontheim.

Eltern werden, Paar bleiben. Wie Paare die Beziehungsprobe mit Baby meistern, verrät Marion Sontheim im Interview.

Frau Sontheim, mit welchen Problemen werden Beziehungen nach der Geburt eines Kindes konfrontiert?

Die wenigsten Paare können ein spezifisches Problem beschreiben. Oft ist es eher ein vages Gefühl des «sich aus den Augen Verlierens». Durch die Geburt eines Kindes geht für viele Paare sehr viel Nähe und auch Harmonie verloren.

Man denkt oft, Kinder machen das Paarglück erst perfekt. Ein Irrglaube?

Besonders hart trifft es tatsächlich Paare, die sich das Familienleben mit einem Baby als sehr romantisch und harmonisch vorgestellt hatten. Dagegen beobachte ich immer wieder, dass Paare, die in ihrem Freundeskreis schon viele Freunde mit Kindern haben, alles etwas weniger utopisch ausmalen: Ein Kind stellt die Beziehung auf die Probe!

Stellen sich Paare die Zeit nach der Geburt zu einfach vor?

Wir Menschen erlernen das Grossziehen von Kindern durch abschauen und kopieren - nur ein Bruchteil ist instinktgesteuert. Selbst unsere vielbeschworene Intuition muss geschult werden. In der gesamten Menschheitsgeschichte haben wir in grösseren Verbänden, zuletzt immerhin noch in Sippen gelebt. Diese Verbände sind innerhalb der letzten zwei Generationen auf Kleinstfamilien zusammengeschrumpft. In jeder Zeit hatten Frauen, die Mütter wurden, bereits viele Cousins, Cousinen, Geschwister und andere Kinder mit aufgezogen. Darüber hinaus waren Mütter nach der Geburt immer schon in eine Gemeinschaft eingebunden. Heute ist das erste Kind, das wir im Arm halten, oft unser eigenes. Und statt eingebunden in eine Gemeinschaft fühlen sich viele mutterseelenallein. Das ist nicht immer einfach und scheint den allerwenigsten bewusst zu sein.

Kann die am Anfang natürlich intensivere Beziehung der Mutter zum Kind eine Partnerschaft belasten?

Das glaube ich nicht, auch wenn es vielleicht so aussieht. Das Problem ist eher, dass Väter vor der ungeheuren Herausforderung stehen, sich auf das neue Familienleben einzustellen, in dem ein kleiner Mensch die meiste Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit und Zeit ihrer Partnerin für sich beansprucht. Die zweite Herausforderung für Väter besteht darin, ihren eigenen Weg mit dem Baby zu finden und selbst eine innige Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen. Hier spielen die Mütter eine Schlüsselrolle: Je mehr sie sich mit ihrem Mütter-Chauvinismus zurückhalten, ihren Partner ausprobieren und seinen eigenen Weg finden lassen, desto mehr wird aus diesem kleinen Wesen etwas, das ein Paar verbindet anstatt Distanz zu schaffen.

Ein schwieriges Thema für viele Paare nach der Geburt ist auch die Sexualität. Wieso haben Frauen oft keine Lust auf Sex nach der Geburt?

Die Gründe dafür sind vielfältig: Ein völlig veränderter Körper, manchmal auch Schmerzen oder Schlafentzug. Viele Frauen erzählen mir auch, dass ihr Kopf komplett mit dem Baby ausgefüllt ist. Und wenn wir ehrlich sind: Lust auf Sex und Erotik haben wir dann, wenn wir uns auch selbst erotisch fühlen. Nach Wochenfluss, vielen Tagen zu Hause in bequemen Klamotten, ständigem Windelwechseln und Erbrochenem auf der Schulter – wer fühlt sich da wie eine Sexgöttin?

Trifft die Unlust nach der Geburt nur auf Frauen zu?

Ganz und gar nicht! Gerade Männer, die bei der Geburt dabei waren, können danach noch mit den Bildern in ihrem Kopf zu kämpfen haben. Häufiger sind es jedoch tatsächlich die Frauen, denen zunächst einmal die Lust auf Sex abhanden kommt.

Wie schafft man sich mit einem Kind wieder einen Raum in dem Erotik und Lust Platz haben?

Viele Paare versuchen, nach der Geburt so schnell wie möglich wieder Normalität einkehren zu lassen. Für die Frau bedeutet das meist, sich wieder zu stylen, abzunehmen - wieder so zu sein wie vor der Geburt. Die Idee an sich ist gut gemeint, erzeugt aber eher Druck als Lust. Ich versuche daher eher, mit Paaren zu besprechen, wer eigentlich welches Bedürfnis hat. Geht es um Zärtlichkeit oder um Sex? Wie können die Bedürfnisse beider Partner erfüllt werden, ohne dass sich einer opfert? Wenn diese Gespräche ohne Vorwürfe geführt werden, kann man verblüffend einfache Antworten finden.

Zum Beispiel?

Eine Frage kann etwa sein: «Wenn ich euch heute versichern könnte, dass eurer Sexleben sich im kommenden Jahr langsam erholen wird, hättet ihr dann noch ein Problem?» Oft ist das Problem nämlich nicht weniger Sex, sondern die Angst davor, ab jetzt ohne Sex leben zu müssen. Alles hat seine Zeit: Wer das akzeptiert, kommt am Ende vielleicht sogar schneller wieder in den Genuss eines erfüllten Sexlebens – und das kann auch eine Beziehung retten!

Was kann ein Paar tun, damit es nach der Geburt des Kindes gar nicht erst zur Krise kommt? Kann man das überhaupt?

Jein. Krisen verhindern kann man natürlich nicht. In diesem Zusammenhang möchte ich gerne Max Frisch zitieren: «Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.» Vor der Geburt kann man sich allerdings gemeinsam darüber austauschen, wie man sich den Partner als Mutter oder als Vater vorstellt: Welche Wünsche und Erwartungen hat man? Wie hat man selbst seine Kindheit erlebt? All die Werte, die in diesen beiden Familien galten, müssen ja nun zusammengeführt, überdacht und aussortiert werden.

Das Baby schreit, der Arbeitstag war stressig und die Küche sieht aus wie Sau – die Nerven liegen blank, trotzdem: Wie streitet man als Paar richtig?

Da kommt der Dialog ins Spiel, der die gute alte Diskussion ablösen, und einen Konflikt in etwas sehr Erhellendes und Fruchtbares verwandeln kann. Der Unterschied zwischen Diskussion und Dialog kann sehr kurz zusammengefasst werden: In einer Diskussion hören wir zu, um zu antworten. In einem Dialog hören wir zu, um zu verstehen. Und davon sind viele Paare leider weit entfernt, das ist die schlechte Nachricht. Und hier die gute: Im Dialog statt in der Diskussion sein, lässt sich lernen!

Ausser Eltern-Sein scheint nichts mehr möglich: Wie hält man das Leben als Paar neben dem Baby aufrecht?

Ausgehen, sich mit Freunden treffen oder ein Kino-Abend zu zweit kommen uns als erstes in den Sinn, wenn es darum geht unser Leben als Paar zu erhalten. Dabei sind das meiner Erfahrung nach eher schöne Schmuckstücke. Eltern kann das zwar gut tun, aber nur wenn sie auch tatsächlich das Bedürfnis danach haben und wenn sie miteinander innerlich in Kontakt sind. Und genau das ist mit kleinen Kindern eine absolute Kunst. Eltern, die zu mir kommen, rate ich dazu, gemeinsame, freie Momente nicht zu verschwenden mit all den Dingen die noch erledigt werden müssen. Es gibt schliesslich immer etwas zu tun. Besser ist es, wenn man sich gemeinsam in Ruhe hinzusetzt und immer wieder neu bespricht: «Ist das was ich zur Zeit tue wertvoll für dich?» Und wenn nicht: «Was kann ich stattdessen tun?» So kann die innige Verbindung erhalten bleiben und weiter wachsen. Und dann sind die anderen Themen nur noch eine Frage der Organisation.

A propos Orga. Sollten sich Paare schon vor der Geburt abklären, wer für wie lange zur Kinderbetreuung zuhause bleibt?

Das ist generell eine gute Idee. Nur sollte man sich darauf einstellen, dass es bei dieser Entscheidung nicht zwingend bleiben muss. Wenn ein Partner wieder arbeiten geht und sich für diese Trennung vom Baby noch gar nicht bereit fühlt und der andere Partner zu Hause beim Baby sitzt und in erster Linie seine Arbeit vermisst, dann sollte man seine ursprünglichen Abmachungen nicht mehr allzu ernst nehmen. Absprachen sind gut, aber sie müssen immer wieder überprüft und hinterfragt werden.

Über Marion Sontheim

Eltern werden, Paar bleiben: Marion Sontheim im Interview mit FemininlebenMarion Sontheim begleitet Eltern und werdende Mütter und Väter auf dem Weg vom Paar zum Eltern-Sein. Als diplomierte Familienbegleiterin, Spielgruppenleiterin und Erwachsenenbildnerin bietet die Thurgauerin diverse Kurse und Seminare für Paare mit Kindern und werdende Eltern an. Aktuell zum Beispiel ein Elternseminar zum Thema «Trotzalter».

zusammen-wachsen.ch

Interview: 05.03.2014, Foto: Szenenbild aus dem Film «Eltern» (dcm)

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