Was es braucht, um Gewalt gegen Frauen einzudämmen und Frauenrechte zu stärken.

GEWALT GEGEN FRAUEN«Jede Frau kann Opfer von Gewalt werden»

Gewalt gegen Frauen? Das gibt es anderswo, aber nicht bei uns. Warum dieser Eindruck täuscht, was es braucht, um Frauenrechte weltweit langfristig zu stärken, und warum Männer in diesem Prozess unabdingbar sind, erklärt Barbara Brank, Komitee-Mitglied bei UN Women Schweiz, im Interview mit femininleben anlässlich der Initiative «16 Tage Gewalt gegen Frauen».

Wofür steht die Initiative 16 Tage Gewalt gegen Frauen?

Die Initiative gibt es seit 1991 fast weltweit mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Es geht darum, die Öffentlichkeit für Gewalt gegen Frauen zu sensibilisieren. Die Kampagne zielt aber auch darauf ab, Frauen Unterstützung anzubieten und darüber zu informieren, welche Möglichkeiten es gibt, ihre Rechte zu wahren. 

Die Initiative findet vom 25. November bis zum 10. Dezember statt. Welche Bedeutung hat dieser Zeitraum?

Der 25. November ist der «Internationale Tag der Gewalt gegen Frauen» und der 10. Dezember ist der «Internationale Menschenrechtstag». Diese 16 Tage sind ein ganz bewusst gewählter Zeitraum, der deutlich machen soll: Eine Verletzung der Frauenrechte ist auch eine Verletzung der Menschenrechte.

Wo steht die globale Gesellschaft aktuell in Bezug auf Frauenrechte?

Frauenrechte entwickeln sich nicht linear oder automatisch. Das ist ein Bereich, in dem es sehr viel Bewegung gibt. Daher ist es auch so wichtig, darauf zu achten, dass das Thema nicht in Vergessenheit gerät. Ich war im März auf einer Konferenz in New York, die sich Gewalt gegen Frauen gewidmet hat. Dort wurde ziemlich deutlich, dass es immer noch Staaten gibt, die sich gegen die Stärkung von Frauenrechten formieren.

Im Bestreben, Frauenrechte weltweit zu Menschenrecht zu machen, stösst man auch auf unterschiedliche Rahmenbedingen. Sind in unterschiedlichen Ländern und Kulturen unterschiedliche Massnahmen erforderlich?

Ja, welche Massnahmen gesetzt werden ist sehr stark kontextabhängig. In Amerika werde ich anders vorgehen als in Pakistan. Allerdings finde ich es sehr wichtig, dass sich eine Verletzung der Frauenrechte oder jegliche Form der Diskrimination nie durch kulturelle Praktiken oder Religion rechtfertigen lässt.

Eine Form von Gewalt gegen Frauen ist die Zwangsverheiratung junger Mädchen. 2008 erregte der Fall der damals 10-jährigen Nojoud Ali weltweit für Aufsehen. Das jemenitische Mädchen entfloh der Zwangsehe mit einem deutlich älteren Mann und bewirkte vor Gericht ihre Scheidung. Sie schrieb über ihre Geschichte ein Buch und wollte sich mit dem Verkaufserlös eine Ausbildung ermöglichen. Nun hat ihr Vater sie des Hauses verwiesen und lebt von ihren Einnahmen, wie der Guardian berichtet. Wie können junge Mädchen und Frauen um ihre Rechte kämpfen, wenn sie in einem System leben, das von Männern dominiert und geführt wird?

Das ist die Gretchenfrage. Um etwas zu verändern, braucht es auf vielen Ebenen Massnahmen, die ineinander greifen. Ein Hauptproblem ist allerdings, wenn Frauen als Besitz des Mannes angesehen werden. Das heisst, sie haben viel zu wenig bis gar keinen Einfluss darauf, wen sie heiraten und auch nach der Scheidung unterstehen sie wieder einem männlichen Familienangehörigen. Das ist ein Kreislauf, den Frauen ganz schwer durchbrechen können. Das Problem ist hier die Familienstruktur, die wiederum durch die Familiengesetzgebung getragen wird. An dem Beispiel von Nojoud Ali sieht man, wie komplex das Problem ist und dass es auf vielen Ebenen Veränderungen braucht.

Welche strukturellen Veränderungen sind für eine Stärkung der Frauenrechte massgeblich?

Ein wichtiger Aspekt ist, wie ich eben schon angesprochen habe, die Familiengesetzgebung. Das betrifft die Eheschliessung, Scheidung und auch die Rechte als Witwe. Im Grunde heisst das: Welche Möglichkeiten haben Frauen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können – oder eben nicht?

Gesetze müssen aber auch angenommen werden. Was ist mit der Akzeptanz innerhalb einer Gesellschaft?

Im Idealfall führen Änderungen in der Gesetzgebung natürlich auch zu einer gewissen Akzeptanz in der Gesellschaft. Man muss sich auch fragen: Wie arbeitet man mit Männern zusammen, um ihre Haltung zu ändern? Vor allem auch mit öffentlichen und religiösen Autoritätspersonen? Treten diese für frauenrechtliche Anliegen ein? Das sind schliesslich Personen, die meinungsbildend sind. Die Arbeit mit Männern zur Gewaltprävention ist sicherlich ein Feld, auf das bisher zu wenig Augenmerk gelegt wurde.

Die 16-jährige Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai, die einen Anschlag der Taliban überlebte und 2013 für den Friedensnobelpreis nominiert wurde, setzt sich für das Recht junger Mädchen auf Bildung ein. Wie wichtig ist Bildung im Kampf gegen Gewalt gegen Frauen?

Bildung ist natürlich ein weiterer wichtiger Aspekt. Malala war sehr mutig und hat gegen eine Form von Diskriminierung, die in ihrem Kontext relevant ist, Widerstand geleistet. Wenn wir über solche Fälle sprechen, dürfen wir aber nicht den kritischen Blick auf unsere eigene Gesellschaft vergessen. Denn wir neigen dazu, zu glauben, dass Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen etwas ist, das woanders passiert. Das ist aber nicht der Fall. Ja, was Malala gemacht ist sehr wichtig. Es soll aber nicht davon ablenken, dass es auch bei uns noch einiges zu tun gibt.

Welche Form der Gewalt gegen Frauen sehen Sie in der Schweiz denn als am prekärsten?

Wenn wir uns die Statistiken ansehen, ist es die häusliche Gewalt. Und das durch alle Schichten, unabhängig vom Ausbildungsstand, ganz gleich ob arm oder reich, Stadt oder Land. Gewalt gegen Frauen kommt überall vor. Häusliche Gewalt ist für mich eine Wurzel von Diskriminierung und Ausdruck von Ungleichheit. Was in der Familie passiert, hat einen starken Einfluss auf alles, was ausserhalb geschieht.

Gerade im privaten Rahmen kann Gewalt sehr leicht vertuscht werden. Wie kann man hier agieren?

Es gilt anzuerkennen, dass Gesetze, wenn es um Menschenrechte geht, keinen Halt vor der Privatsphäre machen. Meine physische und psychische Integrität muss immer oberstes Gebot haben. Ich habe ein Recht auf meine Unversehrtheit als Person. Und es gibt natürlich Möglichkeiten, dieses Recht einzufordern und zu schützen. Es gibt in der Schweiz professionelle Einrichtungen, die wirklich gute Hilfe leisten. Das andere ist die innere Haltung, dass ich erkenne, dass ich nicht schuld daran bin, wenn mir Gewalt angetan wird. Denn keine Person darf dafür verantwortlich gemacht werden, dass sie geschlagen wird.

Das ist ein Teufelskreis, da es sich auch immer um eine emotionale Abhängigkeit handelt. Wie durchbricht man diesen?

Beziehungsgewalt ist in den allermeisten Fällen nicht etwas, das am ersten Tag passiert. Und weil es sich so schleichend entwickelt, kann es jeder Frau passieren, auch der Ärztin oder Feministin. Männer müssen sich darüber im Klaren sein, dass Gewaltanwendung in einer partnerschaftlichen Beziehung keine Lösung ist. Konflikte wird es immer geben, in jeder Beziehung. Die Frage ist nur, worauf baut die Beziehung auf?  Auf zwei Personen, die Konflikte auf Augenhöhe aushandeln und zwar gewaltfrei? Oder nimmt einer für sich in Anspruch, das letzte Wort zu haben, auch mit Gewalt? Eine Beziehung, die auf Kontrolle und Gewalt einer Person aufbaut, ist nicht partnerschaftlich. Das muss man sich bewusst machen.

Kann man jungen Mädchen ein gewisses Rüstzeug mitgeben, damit sie später nicht Opfer von Gewalt gegen Frauen werden?

Ich bin selbst Mutter und habe mich das oft gefragt. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass man sich in seinem Selbstwert erkennt und weiss, dass es Dinge gibt, die niemand mit einem machen darf. Und das Umfeld spielt natürlich auch eine Rolle. Wenn es um mich herum eine kritische Masse gibt, dann ist es auch für mich schwieriger, gewisse Verhaltensweisen zu akzeptieren und der Gewalttäter verliert ebenfalls seinen sozialen Rückhalt. Niemand wird gern geächtet. Daher ist es so wichtig, dass Gewalt gesellschaftlich nicht akzeptiert wird – weder von Frauen noch von Männern.

Viele Situationen eskalieren aber just in jenem Moment, in dem Frauen ihre gewalttätigen Männer verlassen.

Ja, das ist sehr gefährlich. Wenn Frauen die Kraft aufbringen, sich zu befreien und neue Räume erobern, braucht es Schutzmassnahmen. Denn Systeme haben die Eigenschaft, sich gegen Veränderungen zu wehren.  Und wenn wir diese Gefährlichkeitseinstufung abtun, kann es zu spät sein.

Sie sind Komitee-Mitglied bei UN Women und akademisch ausgebildete Konfliktforscherin. Ihre berufliche Karriere steht ganz im Zeichen der Gender- und Friedensforschung. Verliert man hin und wieder den Mut, wenn man betrachtet, wo wir stehen und wo wir stehen könnten?

Wenn ich ehrlich bin, gibt es immer wieder Phasen, in denen ich mich frage, warum ich das eigentlich mache und ob sich etwas verändert hat. Es ist schwierig festzustellen, ob die Gewalt wirklich weniger geworden ist, da wir die Daten von früher und heute kaum vergleichen können. Es gibt inzwischen in der Schweiz gute Beratungsstellen und Gesetze, die dazu führen, dass heute mehr Fälle gemeldet werden – das heisst aber nicht, dass es mehr Gewalt gibt. Ich bin aber ein optimistischer Mensch, sonst könnte ich diese Arbeit gar nicht machen. Und ich glaube, es hat sich viel zum Positiven verändert. Vieles, was man vor 15 Jahren noch öffentlich sagen konnte, ist heute in der Schweiz nicht mehr möglich, da es als diskriminierend erkannt wird. Gewalt gegen Frauen ist in meinen Augen eine Urform von Gewalt. Darum möchte ich nicht aufgeben – denn wenn wir hier etwas ändern, haben wir auch für andere Formen von Gewalt einiges verändert.

Barbara Brank, UN Women, Swisspeace

Über Barbara Brank

Barbara Brank ist Komitee-Mitglied bei UN Women Schweiz und für den Bereich «Gewalt an Frauen» zuständig. Die akademisch ausgebildete Konfliktforscherin ist zudem bei Swisspeace im KOFF Centre für Peacebuilding für das Thema «Gender & Peacebuilding» verantwortlich. 

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Weltweit wird mindestens eine von drei Frauen im Laufe ihres Lebens geschlagen, zu Sex gezwungen oder gedemütigt, kontrolliert und bedroht. In der Schweiz sterben durchschnittlich zwei Frauen monatlich an den Folgen von Gewalt durch ihren Partner. UN Women setzt sich in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern weltweit dafür ein, dass immer mehr Frauen sicher, gleichberechtigt und in Würde leben können. Weitere Informationen zu den Aktivitäten von UN Women in der Schweiz auf unwomen.ch

Spendenkonto UN Women Schweiz:

Berner Kantonalbank, 3001 Bern, PK 30-106-9

Konto UN Women: IBAN CH45 0079 0042 3508 9356 1

Postkonto: 85-245622-3

Interview: Nina Grünberger, 20.11.2013, Foto: Thinkstock

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