Dr. Marzena Kopp-Podlowski erklärt, warum der erste Job vor dem Wiedereinstieg die innere Arbeit ist.

ICH BIN WIEDER DA!Bewerbungstipps für den Wiedereinstieg

Interview Googeln Sie mal Wiedereinstieg. Da steht: Er fällt schwer. Leichter geht es, wenn Sie das Glas Hoffnung nicht schon vor der ersten Bewerbung halbleer trinken. Mental-Coach Dr. Marzena Kopp-Podlewski erklärt, warum der erste Job vor dem Wiedereinstieg die innere Arbeit ist.

Frau Kopp, Sie sind selbst Mutter von zwei Jungs. Stört es Sie, dass Kinder oft als Karrierekiller bezeichnet werden?

Natürlich, weil es falsch ist. Kinder bereichern uns. Durch sie lernen wir ganz viel dazu, das wir auch im Geschäftsleben nutzen können. Vielfach sitzen wir einem zu engen Verständnis von Karriere auf. Ich definiere das breiter: Karriere ist, wenn ich glücklich bin - in Familie und Beruf zugleich.

Woran liegt es, dass Karrieren von Männern und Frauen ab der Geburt des ersten Kindes so unterschiedlich verlaufen?

Ich denke, es sind vor allem festsitzende Vorurteile über das, was Mütter beruflich leisten können. Aber die Erkenntnis, dass Frauen mindestens genauso viel leisten wie Männer kommt auch bei Unternehmen immer häufiger an. Mir persönlich geht das immer noch zu langsam, weshalb ich empfehle, bei sich selbst anzufangen. Fragen Sie sich, was leiste ich eigentlich? Familie ist ja nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen, tagtäglich ereignen sich kleinere und grössere Krisen. Das schult den Charakter und macht die Frauen stark.

Wenn alle Voraussetzungen da sind, was hält Mütter zurück?

Frauen hinterfragen sich oft zu sehr und misstrauen ihren eigenen Fähigkeiten. In meinen Coachings versuche ich dieser Unsicherheit zusammen mit meinen Klientinnen nachzuspüren. Wenn einmal offenbar wird, woher die Unsicherheit kommt, geht vielen Frauen oft ein Licht auf: «Doch das kann ich!» Manchmal sogar besser als Männer. Ein wichtiges Thema ist «Die sich selbst erfüllende Prophezeiung». Wenn ich glaube, dass ich als Mutter auf dem Arbeitsmarkt wenig Chancen habe, trete ich auch so auf. Dadurch erfüllt sich meine Erwartung, ich bin frustriert und trage das auch nach aussen. So entsteht schnell ein Teufelskreis. Meine Erfahrung ist, dass wenn ich Positives erwarte, auch häufig Positives eintritt. Natürlich muss ich dafür selbst aktiv werden, denn wer Schwimmen lernen möchte, muss ins Wasser.

Frauen sind ja auch berühmt dafür Erwartungen einzusaugen. Wenn ich mein Kind zu spät von der Kita abhole, bin ich eine Rabenmutter, wenn ich früher von der Arbeit gehe, schauen die Kollegen spöttisch auf die Uhr.

Hier hilft es sich zu fragen, wessen Erwartungen erfülle ich eigentlich? Wenn man sich bewusst macht, dass man nach den Lebensthesen anderer lebt, löst sich das schlechte Gewissen schnell auf. Dazu ist aber eine innere Arbeit nötig. Das Schwierigste ist, sich einzugestehen, was man selbst will.

Eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey zeigte, dass nicht Mütter, die sich gegen eine Berufstätigkeit entschieden haben am unzufriedensten sind, sondern Mütter, die gerne wieder arbeiten würden, es aber nicht tun. Wie komme ich dem Wunsch Wiedereinstieg näher?

Der erste Schritt ist sich darüber klar zu werden, was man möchte. Schreiben Sie sich Ihren Wunsch ohne Denkschranken nieder. Im zweiten Schritt sollten Sie mit Ihrem Partner darüber sprechen, wie Sie das gemeinsam umsetzen können. Nutzen Sie das Gespräch auch um Bedürfnisse einzufordern, denn auch Sie haben das Recht sich beruflich weiterzuentwickeln. Drittens: Informieren Sie sich, wie realistisch sind Ihre Wünsche auf dem Arbeitsmarkt.

Trotz Fachkräftemangel und hoher Qualifikation - viele Mütter berichten, dass ihre Bewerbungen gleich aussortiert werden. Sollte man Kinder in der Bewerbung lieber nicht erwähnen?

Das sollte jeder für sich selbst entscheiden. Die Voraussetzung eines guten Bewerbungsdossiers ist, dass ich mich damit identifizieren kann. Für mich ist klar, dass meine zwei Söhne ein wesentliche Teil meiner Persönlichkeit sind. Natürlich sollte das ausgewogen sein, ich will ja nicht als Mutter eingestellt werden, sondern als ganzheitlicher Mensch. Mutter sein, Frau sein, Fachkraft sein, das lässt sich nicht haarscharf trennen. Eine andere Frage ist, wie halten es die Männer? Wenn sie schreiben, dass sie Papas sind, wird das nicht hinterfragt.

Studien zeigen, dass Männer von Familie beruflich profitieren. Ein fester Partner und Kinder werden bei Männern oft als Zeichen von Stabilität gewertet. Bei Frauen fürchtet man sich vor der Doppelbelastung.

Es ist ganz wichtig zu erkennen, dass ich die Aufgaben in der Familie neben dem Job nicht alleine schultern muss. Es sollte nicht heissen, wie organisiere ich mich als berufstätige Mutter, sondern wie organisieren wir uns als Eltern neu. Ich sitze mit meinem Mann regelmässig zusammen, um unsere Kalender abzugleichen, damit wir unsere Termine so legen, dass die Betreuung unserer Kinder gewährleistet ist. Der Planungsaufwand steigt natürlich enorm, dafür gibt es beidseitige Erfüllung.

In Bewerbungsratgebern liest man oft von Soft Skills. Welche Fähigkeiten gewinne ich durch das Muttersein hinzu, die mir auch im Berufsleben nützen?

Fragen Sie sich, was haben meine Mitmenschen davon, dass es mich gibt? So kommen Sie Ihren Soft Skills schnell auf die Spur. Vielleicht finden Sie dabei heraus, dass Sie Talent haben zum Organisieren, gerne Verantwortung übernehmen oder gut zuhören können. Wichtig dabei ist die Perspektive, dass Sie all diese Fähigkeiten im Leben weiterbringen werden, dass Sie in der Bewerbung aber bewusst auswählen, welche davon in Ihrer Stelle gefragt sind. Wenn Sie sich als Verkäuferin bewerben, ist es zum Beispiel vorteilhaft, wenn Sie auf Menschen offen zugehen können. In der Buchhaltung ist dagegen vielleicht die Sorgfalt ein wichtiges Soft Skill.

Unter Personalern ist es nicht gerne gesehen, wenn die Elternzeit länger als ein Jahr andauert. Zudem wird empfohlen schon während der Schwangerschaft einen Plan für den Wiedereinstieg zu machen. Das sind alles Fragen, die ich so genau vor der Geburt des Kindes eigentlich gar nicht beantworten kann.

Doch natürlich, aber ob es dann so eintritt, ist eine andere Frage. Es ist sicherlich empfehlenswert mit dem Arbeitgeber noch vor der Geburt über die Möglichkeiten des Wiedereinstiegs zu diskutieren. Die Erfahrung zeigt, dass mit einem Fuss in der Tür mehr möglich ist. Wenn Sie nicht sofort wieder voll einsteigen wollen, fragen Sie ob Herunterstufung auf Teilzeit oder eine projektbezogene Mitarbeit möglich sind. Dadurch halten Sie den Kontakt zu Ihrer Branche und das Unternehmen behält Ihr Knowhow und Ihre Erfahrung. Gleichzeitig sollte man aber immer in Alternativen denken. Ich kann natürlich nicht voraussehen wie das Leben mit dem Kind ist. Wer sich eine gewisse Offenheit bewahrt, ist immer besser für alle Eventualitäten eingestellt und meiner Überzeugung nach auch glücklicher.

Zur Person

Dr. Marzena Kopp-Podlewski ist Ökonomin sowie diplomierter Mental-Coach und Mutter von zwei Knaben im Primarschulalter. Sie ist spezialisiert auf Coaching von Frauen und bietet auch Mental-Trainings zu frauenbezogenen Themen an. Hauptanliegen, mit welchen weibliche Klienten zu ihr kommen, sind die Vereinbarung von Beruf und Familie, Wiedereinstieg nach der Babypause, Übernahme von verantwortungsvollen Aufgaben im Berufsleben trotz Kindern.

Weitere Informationen finden Sie unter koppcoaching.ch.

Lesen Sie die Fortsetzung des Interviews mit Dr. Marzena Kopp-Podlewski auf Seite 4. Auf den nächsten Seite finden Sie praktische Tipps zum Wiedereinstieg und gute Antworten für typische Fangfragen im Vorstellungsgespräch

Foto: Boernbjoern/istock

Kind und Karriere: «Uns Frauen fehlen die realen Vorbilder»
KIND UND KARRIERE«Uns Frauen fehlen die realen Vorbilder»

Warum die Co-Redaktionsleiterin des Friday Magazins gezögert hat, Kind und Karriere zu vereinbaren.

Der erste Mann: Wie die Vater-Tochter-Beziehung unser Leben bestimmt
DER ERSTE MANNWie die Vater-Tochter-Beziehung unser Leben bestimmt

Der erste Mann ist auch der wichtigste. Wie Väter das Leben ihrer Töchter prägen.