DIRTY LITTLE SECRETNo Poo geht Haaren an die Wäsche

STILKRITIK Immer mehr Beautyblogs und Stylisten propagieren einen bizarren Beautytrend: «No Poo» verspricht gesünderes und glänzenderes Haar, indem es einfach nicht mehr gewaschen wird. Der Weg zur umwerfenden Hollywood-Mähne führt wohl über einen langen Weg des Ekels.

«No Poo»-Trend: Schöneres Haar ohne Shampoo

Im April letzten Jahres befragte die ehemalige Vogue-Mode-Assistentin Emily Weiss auf ihrem Beauty-Blog «Into the Gloss» Shirley Cook, CEO bei Proenza Schouler, nach dem Geheimnis ihrer strahlenden Schönheit. Als Antwort erhalten hat sie ein eher dreckiges, für das Shirley sich erstaunlicherweise so gar nicht schämt: «No Poo». Laut Wikipedia definiert als «Sammelbegriff für Methoden, das Haar ohne kommerzielles Shampoo zu waschen» ist es die hippe Abkürzung für «No Sham-Poo» (kein Shampoo).

In einem Atemzug mit einer Lobeshymne auf die himmlischen Düfte ihrer Lieblings-Haarprodukte verkündet sie: «Ich habe vor sechs Wochen aufgehört, meine Haare zu waschen. Es ist ein Wunder! Eine Freundin von mir wäscht ihre Haare nicht und es sieht unglaublich aus.» Das dirty little Beauty Secret verriet der Freundin wiederum Orlando Pita. Besagter hochgelobter Stylist wäscht seine Haare seit einer Ewigkeit nicht mehr und das anscheinend mit Erfolg. Denn Shirley Cook schwört jetzt eben auch auf «No Poo». Und mit ihr zahlreiche Stars, Sternchen und Socialites wie Jessica Simpson, Robert Pattinson und Prinz Harry.

Sein Haupt mit wohlriechendem Schaum zu erfrischen ist also out. Es ist bekannt, dass zu häufiges Shampoonieren ungesund ist und das Haar austrocknet. Aber gar nicht mehr waschen, sondern nur noch mit Wasser durchspülen...? Man kann sich durchaus vorstellen, dass ungewaschenes Haar glänzt. Aber eher am fettigen Ansatz anstatt aufgrund gesunder Sprungkraft.

Warum No Poo? Öko-Faktor und Imitations-Effekt

Doch warum tun sich gerade die Menschen, die sich glamouröser Schönheit und ewiger Jugend versprochen haben, eine Prozedur an, die man bereits beim Lesen dieser Zeilen instinktiv zu riechen meint? Weil es ziemlich en vogue ist, einen umwelt- und körperbewussten Lifestyle zu führen (und natürlich: it really works!). Anhänger der «No Poo»-Methode glauben an einen Teufelskreis, bei dem Shampoo der Kopfhaut die natürlichen, eigens produzierten Öle vom Kopf spült und es als Folge zu einer Überproduktion dieser Öle kommt, um den Verlust zu kompensieren. Ausserdem zählt der selbstlose Nachhaltigkeitsfaktor, das Nutzen von Chemikalien und Plastik umgehen zu wollen. Die Hardcore-Methode wäre natürlich, lediglich klares Wasser an das sensible Promi-Haar zu lassen, doch das scheint auch den Hipstern zu radikal. So spült man also sein Haupt mit Essig, Backpulver und verschiedensten erlesenen Ölen. Und der Markt für Trocken-Shampoos und Haarpuder wächst. Aha! Ganz ohne Hilfsmittelchen geht’s also auch nicht.

Und weil man ja bekanntlich immer so cool und hübsch wie die It-People sämtlicher Nationen sein will, wird das Web von Selbstversuchen überschwemmt. Die Resultate differieren. Man schwankt zwischen heller Begeisterung und Schaum-schwangerer Kapitulation. Fest steht: die Anfangsphase ist eklig. Sehr. Christa D`Souza, Redakteurin des stilprägenden W-Magazins, bindet sich als 40-Something das schmalzige Haar beschämt zu Zöpfchen und befindet den eigentlich puristischen Hype als ziemlichen Aufwand. All das Backpulver und Öl anstelle von rasantem Shampoonieren.

Der Blick ins Badezimmer schöner Menschen

Warum zur Hölle machen wir sowas nach? Dieser Ansatz stinkt buchstäblich gewaltig. Voyeurismus und der dementsprechende Run auf das aktuellste Schönheits-Ideal lassen uns Dinge tun, die uns eigentlich widerstreben. Und weil wir immer wissen wollen, wie die Schönen, Schicken und Reichen das alles immer so mit links hinkriegen (beziehungsweise nicht: was müssen sie alles dafür tun, um SO auszusehen. Hoffentlich viel...) funktioniert auch der bereits erwähnte Beauty-Blog «Into the Gloss» von Emily Weiss so hervorragend.

Beauty-Ikonen wie Dita van Teese und Topmodels wie Karlie Kloss oder Erin Wasson plaudern über ihre kosmetische Routine im Badezimmer. Hübsche, hippe Bilder ihrer güldenen Waschbecken und Retro-Schränke voller Tiegelchen und Flakons entzücken uns ebenso wie die Geständnisse exzentrischer Prozeduren. Coyote Ugly-Beauty Piper Perabo erzählt beispielsweise frei von der entgifteten Leber weg von ihrer Vorliebe für hydrierende Chlorophylltropfen im Wasserglas, die den Trinkgenuss zwar pechschwarz, den Schweiss aber zur aromatischen Wohltat werden lassen. Klingt komisch, scheint aber zu wirken. Ebenso wie «No Poo». Für alle, die wissen, was «Poo» übersetzt bedeutet: nein danke, es klingt doch schon so komisch... I love Shampoo. Kein Scheiss.

Bild: iStock

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