Die Oktober-Ausgabe der deutschen Vogue zeigt ein umstrittenes Editorial mit dem Titel «Signs of the Time», das Luxus-Mode im Umfeld Obdachloser inszeniert. Ist es geschmacklos, Models mit High Fashion am Leib betteln zu lassen oder relativiert künstlerische Freiheit jegliche Einwände?
Ständig sprechen wir von Streetstyle, berichten darüber, sehen es gern und orientieren uns daran. Die deutsche Vogue hat das dominierende Fashion-Phänomen aber nun einmal völlig anders aufgefasst und das Thema ganz von unten aufgerollt. In der aktuellen Oktober-Ausgabe zeigt die Mode-Bibel ein Editorial, in dem High Fashion an vermeintlich Obdachlosen inszeniert wird. Die Models schieben ihr in Tüten verpacktes Hab und Gut in Geh-Wägelchen herum, sitzen bettelnd neben einem Einkaufswagen und vor einem leeren Kaffeebecher. Ein pikierter Schrei des Entsetzens mag so manchem bei einem solch heiklen Thema entfahren. Aber ist dieser berechtigt? Handelt es sich hier tatsächlich um die geschmacklose Stilisierung des Elends oder steckt doch Gesellschaftskritik dahinter? Ist es Kunst? Und darf Kunst das?
Als Hintergrund der Inszenierung dient der amerikanische Ausdruck «Bag Lady», der eine obdachlose Frau meint, die so arm ist, dass sie ihren geringen Besitz in Plastiktüten mit sich herumschleppt. Fotograf des Vogue-Editorials, Sebastian Kim, griff exakt diese Thematik auf und liess sich zu einem Wortspiel hinreissen: neben den Plastiktüten werden die Models auch immer von sündhaft teuren Luxus-Taschen flankiert. Nicht nur eine, sondern immer gleich mehrere verschiedene Modelle hat die «Bag Lady» um sich herum drapiert, auch wenn Sie gerade in einer Mülltonne liegt. Im Grunde schwimmt sie also im Luxus. Die Kluft zwischen den Schichten wird deutlich überzeichnet. So muss doch ein kritischer Ansatz dahinter vermutet werden, diskreditieren wollte die Vogue damit sicherlich niemanden, erklärte die Zeitschrift auf Anfrage von Spiegel online: "Wir sind uns bewusst, dass die Bilder für den außenstehenden Betrachter, der mit der künstlerischen Komponente von Modefotografie vielleicht nicht unbedingt vertraut ist, als Provokation empfunden werden könnten."
Wo fängt Kunst an, wo hört sie auf?
Die Vogue pocht also auf künstlerische Freiheit und fühlt sich von mode-fernen Kunst-Banausen unverstanden. Der Titel «Signs of the Time» weist deutlich auf die tiefgründige Intention der Darstellung hin. Dagegen zu halten wäre allerdings, dass man gesellschaftliche Kritik nicht auf Kosten sozial Schwacher zu üben habe. Doch bedarf Kunst wirklich einer Überschrift, um verstanden zu werden? Es spricht absolut nichts für eine stilisierte Ästhetisierung von Obdachlosigkeit, aber man muss zugeben, dass die Inszenierung, wie es bei Mode-Fotografie und künstlerischer Darstellung generell üblich ist, extrem überspitzt ist. Die Models sitzen nicht vor Lidl oder Aldi, sondern vor einem Prada-Store und das einzige, was an ihnen undone ist, ist ihr Haar.
Wenn man den Obdachlosen-Chic kritisieren will, dann vielleicht eher an anderer Stelle. Von den Olsens salonfähig und somit strassentauglich gemacht, liebt man heutzutage Dinge im Used Look und in Grössen, die der eigenen nicht entsprechen. Stars kaufen Luxus-Strick mit Laufmaschen und geben Geld dafür aus, um so auszusehen, als könnten sie sich nichts Anständiges leisten. Das Editorial der Vogue macht aber auf die Abgründe der Gesellschaft aufmerksam und zwar auf beiden Seiten. Die «Bag Lady» shoppt bis zur Armut. Welche Armut? Die materielle? Oder die psychische und emotionale? Dann stellt sich plötzlich die Frage, wer hier diskriminiert wird. Vielleicht doch die konsumorientierte Vogue-Leserin als wahr gewordnes Fashion-Victim? Man stösst hier an die immer wiederkehrende existentielle Frage: wie frei darf Kunst sein und darf man sie einschränken? Aber genau diese Sisyphus-Arbeit ist das Schöne daran.
Text: Linda Leitner
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